Emotional-instabile (Borderline-) Persönlichkeitsstörung

Nicht aus der Achterbahn extremer Gefühle und Spannungen aussteigen können

Was ist eine emotional instabile Persönlichkeitsstörung, früher Borderline-Syndrom?

Der Begriff emotional instabile Persönlichkeitsstörung, früher Borderline-Syndrom, bezeichnet langfristige Probleme in der Steuerung von Gefühlen und innerer Anspannung: dabei kommt es vor allem zu Auswirkungen

  • in zwischenmenschlichen Beziehungen, diese können konflikthaft und instabil sein; oder /und
  • Selbstbeschädigungen, Selbstverletzungen, ausgeprägten Spannungs- und Angstgefühlen,
  • Empfindungen von innerer Leere und Selbstentwertungen.

Da dieses Beschwerdebild oft längerfristig besteht und dabei vor allem um das 20. Lebensjahr erstmals auftritt, spricht man heutzutage von einer Persönlichkeitsstörung.

Wie erkennt man, dass man möglicherweise an einer emotional instabilen Persönlichkeitsstörung leidet?

Die Fähigkeit zur spontanen und bewussten Steuerung von Gefühlen und inneren Spannungen ist besonders in sozial fordernden Situationen wichtig: bei zwischenmenschlicher Nähe, bei Konflikten, bei Enttäuschungen und Zurückweisungen und bei der Äußerung und bei der Umsetzung von Wünschen und Erwartungen. Solche sozialen Situationen und Frustrationen überfordern manche Menschen so sehr, dass sie mit unkontrollierbarer Wut, Verstimmungen, Vorwürfen, Impulsdurchbrüchen, Aggression, aber auch Gefühllosigkeit, Selbstentwertungen oder Rückzug reagieren. Menschen mit emotional instabiler Persönlichkeitsstörung sind für solche Reaktionsweisen besonders gefährdet. Dabei kann es auch zu so ausgeprägter innerer Spannung kommen, dass sie sich selbst beschädigen, um Erleichterung zu erfahren. Selbstbeschädigungen können sich auch nach außen richten durch riskantes Verhalten in Form von ungezügeltem Geldausgeben oder übermäßigem Essen, exzessivem Gebrauch von Alkohol oder Drogen oder enthemmtes Sexualverhalten. Selbstverletzendes Verhalten („Ritzen“), Selbstmordgedanken und Selbstmordhandlungen treten bei Menschen mit emotional instabiler Persönlichkeitsstörung häufig auf. Das Gefühlsleben ist oft überdauernd schwankend und von innerer Leere geprägt. In mehr als der Hälfte der Fälle berichten Betroffene, dass ihnen aufgrund einer ungewollten und anhaltenden Achterbahn der Gefühle die Sicherheit fehlt, „wer man wirklich ist“. Die Beziehungen zu anderen Menschen sind durch Instabilität und Wechselhaftigkeit gekennzeichnet bei gleichzeitiger bestehender Angst vor Trennung und dem Bemühen, Verlassenwerden unbedingt zu vermeiden.

Welche Möglichkeiten hat ein Arzt, eine emotional instabile Persönlichkeitsstörung zu diagnostizieren?

Am Anfang muss eine detaillierte biographische Anamnese erfolgen. Zu ihr gehören die Rekonstruktion der Lebensgeschichte in Bezug auf zwischenmenschliche Beziehungen und Gefühle, ihren Entwicklungen und Gefährdungen, sowie das Vorliegen familiärer Veranlagungen. Mithilfe moderner Klassifikationssysteme wie ICD-10 und DSM-IV wird die Diagnose gestellt.

Was sind die Risikofaktoren und begleitenden Erkrankungen?

Junges Lebensalter, weibliches Geschlecht, gestörte Schmerzempfindung sowie familiäre Belastung mit psychiatrischen Erkrankungen zählen zu den Hauptrisikofaktoren. Die Erkrankung tritt überwiegend zwischen dem 18-30 Lebensjahr auf. Die Diagnose wird häufiger bei Frauen (75%) als bei Männern gestellt. In Studien haben Patienten oft traumatische Erfahrungen in ihrer Lebensgeschichte angegeben. Die häufigsten begleitenden psychischen Störungen stellen lang anhaltende Depressionen (70%), depressive Episoden (50%), Substanzmissbrauch (30%) sowie eine Überlappung mit chronischen und komplizierten Verläufen von posttraumatischen Belastungsstörungen (30%) dar. Weitere Symptomüberschneidungen bestehen zu bipolaren Störungen, zu Aufmerksamkeits-Defizit-Störungen und zur Bulimie. Die häufigsten körperlichen Erkrankungen bei Diagnosestellung sind ernährungsbedingte Störungen, Infektionen und Selbstverletzungsfolgen.

Wie ist der Langzeitverlauf?

Langzeitstudien in den USA haben gezeigt, dass sich die Symptome der emotional instabilen Persönlichkeitsstörung im Verlauf von 10 Jahren nachhaltig zurückbilden - unabhängig von der durchgeführten Therapie - und die Wiederauftretenswahrscheinlichkeit nachlässt. Jedoch bleiben der Grad psychosozialer Beeinträchtigung und die Probleme in der psychosozialen Integration deutlich erhöht. Dies gilt im Durchschnitt auch im Vergleich zu der früh beginnenden Depression.

Wie werden emotional instabile Persönlichkeitsstörungen behandelt?

Bildgebende Verfahren haben belegt, dass Patienten mit emotional instabiler Persönlichkeitsstörung schnell auf emotionalen Stress reagieren. Die Grundlagen der Therapie beruhen daher auf der fundierten Kenntnis neuro-psychologischer Grundlagen der Emotions- und Stressregulation, sowie daraus abgeleiteter dialektisch-behavioraler Techniken (DBT) und verhaltensregulierender Interventionen. Die Behandlung erfolgt generell auf unterschiedlichen Versorgungsstufen (stationäre, teilstationäre, intensiv ambulante und ambulante Stufe) mit jeweils definierten Zielen und Zeiträumen. Die berufliche Rehabilitation wird in den ambulanten Versorgungsstufen erreicht. In unserer Klinik werden kriseninterventionelle Behandlungen mit einer Zeitdauer von bis zu maximal 14 Tagen unter stationären Behandlungsbedingungen durchgeführt. Vorrangig ist die Problematik akut suizidaler oder oft auch parasuizidaler, d.h. nicht mit dem eigentlichen Ziel der Selbsttötung angelegter Handlungen. Zum Einsatz kommen psychotherapeutische Interventionen aus der dialektisch-behavioralen Therapie (DBT) und kognitiv-verhaltenstherapeutische Techniken. Langfristige stationäre Aufenthalte halten wir für nicht förderlich.
Medikamente werden - wenn erforderlich - nach differenzieller Indikationsstellung eingesetzt. Zum Einsatz kommen die folgenden Substanzgruppen: Antidepressiva bei anhaltender depressiver Symptomatik, Stimmungsstabilisierer und Lithium bei bipolarer Symptomatik, moderne Antipsychotika bei häufigen Realitätsbrüchen, sowie Opioidrezeptorantagonisten bei starker Dissoziationsneigung. Benzodiazepine werden generell nicht verschrieben. Eine Bedarfsmedikation wird nur in Rücksprache mit dem zuständigen Oberarzt in definierten Situationen verschrieben.

Was kann man als Betroffener selbst gegen diese Krankheit tun?

Bei Diagnosestellung ist es besonders wichtig, sich für ein therapeutisches Bündnis mit klaren Absprachen zu entscheiden. Im weiteren Verlauf kommen der Beachtung und Pflege eines regelmäßigen Tag-Nacht-Rhythmus, gesundheitsbezogenes Verhalten und regelmäßiges Üben von Fertigkeiten zur Emotions- und Verhaltensregulation die größte Bedeutung zu.

Wie können Angehörige einem Menschen mit emotional instabiler Persönlichkeitsstörung helfen?

Interventionen sind auf längere Sicht dann sinnvoll, wenn die Kommunikationsweisen in der Familie oder die Beziehungen untereinander im Sinne der Therapieziele verändert werden müssen. Die Familienmitglieder können lernen Verbündete des Betroffenen zu werden. Sie können ihn so aktiv bei seinen Veränderungen unterstützen. Mittlerweile gibt es auch Selbsthilfegruppen für Angehörige. Zu oft wird die Störung auch heute noch als entwicklungsbedingte Störung verharmlost, oder es werden zu starke Hoffnungen in rein medikamentöse Ansätze gesetzt.

Welche Folgen kann eine unbehandelte emotional instabile Persönlichkeitsstörung haben?

Deutlich erniedrigte Lebens- und gesundheitsbezogene Qualität mit Ausbildungsunterbrechungen, wiederholten Stellenverlusten, gescheiterten Beziehungen und Ehen. Erhöhtes Risiko für begleitende psychische und körperliche Erkrankungen sowie Behinderungen und frühzeitiges Versterben. Die Selbsttötungsgefahr (9%) ist in den jungen Erwachsenenjahren am größten.