Psychose

Krankheitsbild

Alle psychischen Erkrankungen stellen extreme oder andauernde Ausprägungen von allgemein-menschlichen Erfahrungen dar. So kann es in Extremsituationen (wie z. B. bei Hunger oder Vergiftung, bei Isolation oder Bedrohung) zum Verlust der Orientierung an der Wirklichkeit in Form von Trugwahrnehmungen („Halluzinationen“, z. B. Stimmenhören) oder in Form unzutreffender Vorstellungen kommen („Wahn“, z. B. Verfolgungswahn).

Beim Krankheitsbild der Psychosen kommen solche fremdartigen und beängstigen Erfahrungen auch ohne äußeren Anlass vor. Halluzinationen können dann spontan auftreten; an Wahnvorstellungen wird festgehalten, obwohl dies für andere nicht nachvollziehbar ist.

Berühmte, an einer Psychose erkrankte Persönlichkeiten waren der Nobelpreisträger John Nash, die Schriftsteller August Strindberg und Friedrich Hölderlin und der Komponist Hugo Wolf.

Krankheitsentstehung

Wie bei allen psychischen Erkrankungen spielen persönliche Veranlagung und persönliche Erlebnisse zusammen bei der Entstehung von Psychosen. Menschen reagieren in derselben Situation verschieden. Manche Menschen sind besonders ängstlich und neigen dazu, Anderen böse Absichten zu unterstellen. Andere beziehen auch zufällige Ereignisse auf sich. Solche Menschen sind gefährdet, eine Psychose zu entwickeln (Vulnerabilität). Entwicklungsbedingt ereignen sich psychotische Störungen mehrheitlich erstmals im frühen Erwachsenenalter, sie kommen manchmal aber (v. a. bei Frauen) auch im fortgeschrittenen Alter erstmals vor.

Die Vulnerabilität alleine führt jedoch nicht zur Krankheitsentstehung – jedenfalls nicht zwingend.
Zusätzliche anhaltende Stressbelastungen und kritische Lebensereignisse kommen meist dazu. Diese können mit den vorhandenen Möglichkeiten nicht bewältigt werden („Vulnerabilitäts-Stress-Hypothese“).
Veränderte Lebensumstände wie etwa der Beginn einer Berufsausbildung oder eines Studiums, ein Umzug, Beginn eines neuen Lebensabschnittes stellen dabei Situationen dar, in den sich Psychosen akut manifestieren können.

Bei jungen Patienten findet sich im Vorfeld der Psychose häufig ein regelmäßiger Cannabiskonsum oder regelmäßiger Konsum anderer Drogen.

In den letzten Jahren hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass psychotische Störungen nicht "über Nacht", sondern vielmehr allmählich entstehen. Einem ersten Höhepunkt und dem Behandlungsbeginn geht in der Regel ein sich über mehrere Jahre erstreckendes Vorstadium voraus, das unter anderem durch die folgenden Symptome gekennzeichnet ist:

  • ausgeprägter sozialer Rückzug im Vergleich zu früher
  • ausgeprägte Beeinträchtigung der Rollenerfüllung im Beruf, Ausbildung oder Haushalt
  • magisches Denken
  • Wahrnehmungsstörungen ohne organische Ursache
  • Gedankenjagen

Bei der Kennzeichnung von Vorstadien psychotischer Störungen haben Arbeitsgruppen unserer Klinik bereits vor drei Jahrzehnten mit dem Konzept der "Basisstörungen" Pionierarbeit geleistet, die durch die jüngere Forschung Anerkennung und Bestätigung fanden.

Sofern die Erkrankung nicht frühzeitig erkannt und behandelt wird (siehe unten, Abschnitt Früherkennung und Frühintervention), kann es zu einer Akutphase mit folgenden Kernsymptomen kommen: Halluzinationen, wahnhafte Überzeugungen, verwirrtes Denken.

Diese Akutphase macht oftmals eine stationäre psychiatrische Behandlung erforderlich. Es konnte festgestellt werden, dass der weitere Erkrankungsverlauf umso ungünstiger ist und umso mehr eine Chronifizierung zur Folge hat, je später mit der ersten effizienten Behandlung begonnen wird. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit zu frühzeitiger Behandlung, möglichst in Form einer Prävention der ersten akuten Episode.

Die nachfolgende Remissionsphase verläuft von Patient zu Patient sehr unterschiedlich. Auch wenn sich die Symptome der Akutphase zurückgebildet haben, bleiben andere Symptome (Antriebsstörungen, Gedächtnis- und Konzentrationsmängel) oftmals länger bestehen. Hier können multimodale Programme hilfreich sein, die beispielsweise ein regelmäßiges Konzentrationstraining beinhalten.

Ursachen

Nach heutigem Verständnis beruhen Psychosen auf neurobiologischen Störungen des Gehirns, die durch pränatale und perinatale Schädigungen oder auch durch genetische Faktoren induziert werden. Diese Störungen führen einerseits zu subtilen Veränderungen der neuronalen Architektur, andererseits zu funktionellen Veränderungen in Neurotransmittersystemen. In der oft mehrere Jahre dauernden Prodromalphase kommt es wahrscheinlich zu einer Sensitivierung der Dopaminrezeptoren, die zu sozialen und kognitiven Beeinträchtigungen und zu einer geringeren Stresstoleranz führt.

Behandlung

Psychotische Erkrankungen sind behandelbar. Moderne Neuroleptika führen zu einem Rückgang der meist sehr quälenden Symptome.

Ein Schlüssel zur Akzeptanz und zum besseren Umgang mit der Erkrankung ist die Psychoedukation, in der durch erfahrene Psychotherapeuten und Ärzte wichtige Informationen zu Krankheitsentstehung, -behandlung und -verläufen vermittelt werden.

Mit Hilfe der Kognitiven Verhaltenstherapie können Patienten lernen, anders mit den fremdartigen Erlebnissen umzugehen, die im Rahmen einer Psychose auftreten können.

Auch für junge Erwachsene mit einem erhöhten Psychoserisiko und mit störenden Symptomen besteht ein Behandlungsangebot, mit dem Ziel einer Prävention einer akuten Episode und einer stationären Behandlung. Im Zentrum für Beratung und Behandlung bei erhöhtem Psychoserisiko (ZeBB) in unserer Klinik erfolgt eine Diagnostik des individuellen Psychoserisikos. Im Rahmen einer Therapiestudie (PREVENT) wird geprüft, welche Behandlungsform in der Frühphase der Erkrankung optimal ist.

Die Erkrankung an einer Psychose stellt nicht nur für den Betroffenen, sondern auch für die Angehörigen einen tiefen Einschnitt in die Lebensführung dar. Einmal monatlich dienstags von 16.30 bis 18.00 Uhr wird von den Ärzten der Station Bonhoeffer ab Januar 2016 wieder eine regelmäßig stattfindende Angehörigengruppe angeboten.

Familienmitglieder und Lebenspartner psychotisch erkrankter Menschen sind eingeladen, sich über Entstehung, Symptome, Risikofaktoren und Behandlungskonzepte zu informieren. Wir möchten Ihnen die Möglichkeit bieten, Fragen zu stellen und sich mit anderen Angehörigen auszutauschen. Wir treffen uns im Foyer des Nervenzentrums (Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Klinik für Neurologie). Zur besseren Planung bitten wir um kurze Kontaktaufnahme, s. u.
Kontakt: Oberärztin Dr. K. Dücker, Telefon: 0228 287-15577 oder per E-Mail: Kristina.Duecker@ukb.uni-bonn.de