Zwangsstörungen

Was ist eine Zwangsstörung?

Zwangsstörungen zeichnen sich durch wiederkehrende Zwangsgedanken und/oder Zwangshandlungen aus. Unter Zwangsgedanken versteht man aufdringliche Ideen, Gedanken oder Bilder, die von den Betroffenen als unangenehm oder beängstigend erlebt werden. Häufige Beispiele sind Gedanken, mit Krankheitserregern in Kontakt gekommen zu sein, durch eigene Unachtsamkeit Anderen zu schaden, oder auch auf religiöse oder sexuelle Inhalte bezogene Gedanken. Zwangshandlungen sind wiederkehrende und oft als sinnlos oder übertrieben empfundene Handlungen, zu denen sich die betroffene Person (z.B. aufgrund eines Zwangsgedankens) gedrängt fühlt. Häufige Zwangshandlungen sind exzessive Waschrituale, übermäßige Kontrollhandlungen, Ordnungszwänge, Zählzwänge und Sammelzwänge. In der Regel sind sich die Betroffenen der Unsinnigkeit ihres Verhaltens durchaus bewusst. Dennoch schaffen sie es nicht, das zum Teil mit erheblichem Zeitaufwand und/oder hoher Belastung einhergehende Zwangsverhalten zu ändern.

Wie entsteht eine Zwangsstörung?

Verschiedene Ursachen tragen zu der Entstehung einer Zwangsstörung bei. Gesichert scheint, dass sowohl neurobiologische als auch lern- und lebensgeschichtliche Erfahrungen eine entscheidende Rolle spielen. Das genaue Zusammenspiel der diskutierten Faktoren ist Gegenstand intensiver wissenschaftlicher Forschung.

Neurobiologische Modellvorstellungen

Die Ergebnisse neurobiologischer Forschung zu Zwangsstörungen sprechen für eine Beteiligung genetischer Faktoren, hirnfunktionelle Veränderungen und ein gestörtes Gleichgewicht wichtiger Botenstoffe im Hirn:

Studien zeigen, dass Verwandte von betroffenen Personen ein erhöhtes Risiko haben, selbst eine Zwangsstörung zu entwickeln. Dieses Ergebnis wird als Hinweis auf eine genetische Beteiligung interpretiert. Sicher ist dabei, dass eine Zwangsstörung nicht direkt vererbt wird, sondern nur ein Risiko zu erkranken. Wahrscheinlich sind mehrere, bis heute nicht klar identifizierte Gene bei der Entstehung einer Zwangserkrankung beteiligt.

In modernen Untersuchungen zu Auffälligkeiten der Hirnfunktionen wurde eine gestörte Aktivierung des Vorderhirns und tiefer liegender Areale bei Zwangserkrankten berichtet. Hierbei handelt es sich um Hirnzentren, die eine wichtige Rolle für die Handlungsausführung und -kontrolle sowie für die Steuerung von Gedanken haben. Insbesondere der orbitofrontale Kortex scheint bei Personen mit einer Zwangsstörung überaktiv zu sein. Dies wird als mögliche Grundlage für die als unkontrollierbar erlebten Zwangsgedanken und die schwer zu unterbrechenden Zwangshandlungen angesehen. Interessanterweise normalisiert sich die auffällige Hirnaktivierung durch eine erfolgreiche Behandlung mit Medikamenten oder durch Verhaltenstherapie.

Im Gehirn werden Informationen zwischen den Nervenzellen durch Botenstoffe weitergegeben. Durch eine Störung im Botenstoffsystem kommt es entsprechend zu einer gestörten Informationsleitung, die durch Medikamente ausgeglichen werden kann. Die in zahlreichen Studien klar belegte Wirksamkeit von Medikamenten der Klasse der Selektiven-Serotonin-Rückaufnahme-Hemmer (SSRIs) weist auf eine Rolle des Botenstoffs Serotonin bei der Entstehung der Zwangsstörung hin. Wahrscheinlich sind aber noch weitere Botenstoffe wie Dopamin und Glutamat an der Entstehung einer Zwangsstörung beteiligt.

Psychologisches Erklärungsmodell der Zwangsstörung

Entsprechend des psychologischen Modells messen Personen mit einer Zwangsstörung aufdringlichen und unangenehmen Gedanken eine zu hohe Bedeutung bei. Während gesunde Personen in ihrem Gedankenfluss durch solche „Störungen“ nicht weiter beeinflusst werden, berichten Zwangserkrankte ein Klebenbleiben an solchen Gedanken. Durch die Bewertung der Gedanken als z.B. gefährlich lösen diese starke Ängste und Anspannung aus. Zwangshandlungen dienen dazu, diese erlebte Angst und Anspannung zu reduzieren und ein Gefühl von Sicherheit oder Richtigkeit herzustellen. Durch die hierdurch erreichte Beruhigung erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, das Zwangsverhalten später wieder zu zeigen, die Zwangsstörung verfestigt sich.

Wie sieht die Behandlung der Zwangsstörung aus?

Am erfolgversprechendsten erscheint nach dem derzeitigen Forschungsstands eine Kombinationsbehandlung bestehend aus medikamentöser und verhaltenstherapeutischer Therapie für Zwangsstörungen.

Vielfach bewährte Medikamente zur Behandlung der Zwangsstörung sind die sog. Serotonin-Rückaufnahme-Hemmer (SSRIs) und das trizyklische Antidepressivum Clomipramin. Unter Umständen kann der Effekt dieser Medikamente durch die Gabe weiterer, gut abgestimmter Medikamente zusätzlich erhöht werden. Die zur Behandlung der Zwangsstörung zugelassenen Medikamente machen nicht abhängig und schränken nicht die Leistungsfähigkeit ein.

In einer strukturierten, multimodalen Verhaltenstherapie lernen Betroffene, gegen ihre Zwangsgedanken und Zwangshandlungen anzugehen und wieder die Kontrolle über ihr Verhalten zu erlangen. Hierzu werden individuelle Konfrontationsübungen geplant und durchgeführt, in denen ein nicht zwanghaftes Verhalten geübt werden kann. Die Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Bonn bietet zwei speziell auf Zwangserkrankungen zugeschnittene Therapiegruppen an. Das ambulant durchgeführte Therapieprogramm umfasst 25 Gruppensitzungen.
In der demnächst beginnenden Gruppe sind noch Plätze frei!

Ein besonderes Angebot unserer Klinik ist eine regelmäßig stattfindende Veranstaltung für Angehörige und Helfer von betroffenen Personen. Bei dem offenen Treffen vermitteln wir grundlegendes Wissen zu Zwängen und geben Empfehlungen zum Umgang mit Betroffenen. Es besteht viel Raum für eigene Fragen und persönliche Beispiele. Die Teilnehme ist kostenlos. Falls Sie an diesem Angebot interessiert sind, setzen Sie sich gerne mit uns in Verbindung.

Wie sieht die Behandlung aus?

Wenn Sie sich für unser Behandlungsangebot interessieren, können Sie sich telefonisch an Frau Dr. Dipl.-Psych. Kathrin Heser (0228 287-15729) oder an Frau M.Sc. Katharina Bey (0228 287-16859) wenden. Unsere psychiatrische Institutsambulanz erreichen Sie unter der Rufnummer 0228 287-15732.

Weitere Informationen zu unserer Spezialambulanz für Zwangsstörungen finden Sie in unserem Flyer.

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